Kapitel 08

OMG — Oh My God

Das kann doch nicht wahr sein
6 Min. LesezeitAktualisiert: März 2026
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Skandale in blond und weiß: Bayer Leverkusen ist „der ewige Zweite“, sagen alle, die den „Werksklub“ nicht mögen. „Beamtenfußball“ werfen ihm die Kritiker vor, die glauben, dass man trotz des Backgrounds mit dem mächtigen Bayer-Konzern zu wenig aus seinen sportlichen Möglichkeiten macht.Fehlender Biss, Biederkeit – kann sein, muss nicht. Aber eines ist Bayer 04 in jedem Fall nicht: Frei von Fremdschäm-Skandalen. Im Gegenteil: Der Bayer-Klub steht für zwei Affären, die die Bundesliga in ihren Grundfesten erschüttern. OMG!

Schuster verklagt seinen Verein (Schon unter PNG genannt, aber weil wirklich OMG hier nochmals): Als Bernd Schuster 1993 aus Spanien in die Bundesliga zurückkehrt und zu Bayer 04 Leverkusen wechselt, kann man sich beim „Werksklub“ sicher sein, den ersten Weltstar der Vereinsgeschichte verpflichtet zu haben. Der gutmütige Bayer-Coach Dragoslav Stepanovic („Stepi“) versteht es, den eigenwilligen Ausnahmespieler zu führen. 18 Tor-Beteiligungen in Schusters ersten Saison im Bayer-Dress 1993/94 sprechen für sich. Wie knallhart der oft so wortkarge „blonde Engel“ tatsächlich ist, davon darf man sich bei Bayer ab 1995 ein Bild machen. Als ihn der neue (und alte) Bayer-Coach Erich Ribbeck ab Ende Oktober 1995 erst auf die Bank und dann auf die Tribüne setzt, fordert Schuster per Anwalt einen Stammplatz ein. Daraufhin wirft Leverkusen den Spieler raus, Schuster klagt sich ins Training ein. Ein langer Rechtsstreit folgt, ein Präzedenzfall ohne Sieger. Auch Ribbeck wird im April 1996 nach nur einem Sieg aus 15 Spielen (!) gefeuert.

Phantomtor-Meister Bayer 04: Gleich zwei Mal erzielt Bayer in seiner Bundesligahistorie Tore, die ganz offensichtlich keine sind. Nur der Schiri kriegt’s nicht mit. Eines wird trotzdem gegeben und bringt dem Schützen Schimpf und Schande ein. Das andere annulliert der Schütze selbst, dafür gibt es ungläubiges Staunen. Der Reihe nach:

Phantom-Tor 1: 7. März 1981. Es riecht nach Sensation im Ulrich-Haberland-Stadion. Bayer 04 spielt seine zweite Bundesligasaison und macht an diesem Tag den amtierenden und kommenden Meister FC Bayern München platt. 3:0 steht es schon zur Halbzeit, alle Tore erzielt der Norweger Arne-Larsen Ökland. Es läuft die 72. Minute, als etwas geschieht „was es in der Bundesliga so noch nie gegeben hat“, wie ARD-Kommentator Fritz von Thurn und Taxis staunt. Wieder einmal kommt von rechts eine Flanke von Wolfgang Vöge vor das Bayern-Tor und Ökland ist schneller als sein Bayern-Gegenspieler. Aus kurzer Distanz schießt er den Ball hoch ans Außennetz, das sich kräftig ausbeult. Die Zuschauer auf der Tribüne jubeln und auch Schiedsrichter Werner Horeis hat aus seiner Perspektive den Eindruck, der Ball sei im Tor gewesen. Er zeigt zur Mitte, doch die Bayern-Leader Paul Breitner und Karl-Heinz Rummenigge protestieren so heftig, dass Ökland das Gewissen plagt. Der 26-jährige geht zu Horeis und – so besagt es die Fußball-Legende - will diesem gesagt haben: „Ich will Ihnen helfen, weil Sie so gut gepfiffen haben. Es war kein Tor, ich habe nur das Außennetz getroffen.“ Horeis drückt Ökland die Hand und annulliert das Tor. Kalle Rummenigge schüttelt den Kopf, bedankt sich dann aber auch bei Ökland, der hinterher natürlich von der Presse umringt ist. „Wenn es kein Tor war, muss ich das auch sagen“, sagt er Ungewöhnliches für Reporter-Ohren, die solche Sätze im harten Bundesligageschäft wohl noch nie gehört haben. Natürlich kommt die Frage auf, ob er auch beim Stande von 0:0 auf sein Tor verzichtet hätte. „Doch, ich glaube schon“, sagt Ökland, der mit seinen Gedanken schon ganz woanders ist. Er will unbedingt seine Frau anrufen, sie soll den Videorekorder programmieren. Ausschnitte seines großen Auftritts kommen ja anschließend in der ARD-Sportschau und die kann der Held des Tages nicht sehen, da er bereits ins ZDF-Sportstudio eingeladen ist. Doch in der Aufregung fällt ihm seine eigene Telefonnummer nicht mehr ein. Wie das eben so kommt, wenn man unverhofft im Rampenlicht steht. Das Medien-Echo ist gewaltig. „Seit Samstag darf man wieder an die Fairness in der Bundesliga glauben“, schreibt die Münchner tz. Und Schiedsrichter Horeis lobt: „Ich habe Hochachtung vor einem Spieler, der so wie Ökland handelt.“ Zur Wahrheit gehört auch, was Mitspieler Franz-Peter Hermann noch Jahrzehnte späte zugibt: „Wir hatten Angst, es (das Spiel) wird wiederholt.“

Phantom-Tor 2: Phantomtor Nummer zwei fällt in der 50. Bundesligasaison beim Auswärtsspiel in Sinsheim gegen die TSG Hoffenheim. Diesmal ist der Ball sehr wohl im Tor, hätte dort aber eigentlich nicht sein dürfen, denn er verschafft sich „unerlaubten Zugang“. In einem der Netze klafft an der Außenseite ein Loch und durch dieses flutscht in der 71. Spielminute der Partie zwischen der TSG Hoffenheim und Bayer Leverkusen der Ball. Der Kopfball von Stefan Kießling kommt von „draußen rein“ und bleibt drinnen liegen – hochgradig irregulär. Wie er in das Tor gekommen ist, sieht zunächst keiner – geschweige denn, dass es jemand wahrhaben will. BILD-Reporter Philipp Arens notiert auf der Pressetribüne: „71 Kies mit Kopf vorbei.“ Aber wieso jubeln die Leverkusener dann? Schiedsrichter Felix Brych erlebt seine schwerste Stunde an der Pfeife. Es gibt noch keinen Videobeweis, nicht einmal die Torlinientechnik – nur Zeugen. Und deren Befragung hilft ihm herzlich wenig: „Die Reaktionen der Spieler waren eindeutig, es gab kein Kontra. Keiner, auch nicht Kießling, hat mir gesagt, dass es kein Tor war.“ Das Netz kontrolliert er nicht und gibt das Tor zum 0:2, zumal die Hoffenheimer nicht protestieren. Auf die Idee kommen sie erst nach dem Spiel, weil sie es verloren haben (Endstand 1:2). Mittlerweile haben nämlich TSG-Reservespieler das Loch entdeckt und das Fernsehen hat es ohnehin aller Welt in Echtzeit offenbart. Es ist die Szene, die der Torlinientechnik zum Durchbruch verhelfen wird. Sie wird 2015/16 eingeführt, seit 2017/18 gibt es auch den Videobeweis. Im Herbst 2013 gibt es nur unbeugsame Statuten. Hoffenheim zieht vor das Sportgericht und beantragt eine Wiederholung, was Bayer glattweg ablehnt. Man sei ja nicht schuld am kaputten Netz und einer falschen Wahrnehmung des Schiedsrichters. Sportdirektor Rudi Völler schlägt noch am Abend des Spiels vor, es beim Stand von 0:1 fortzusetzen – nur die letzten 19 Minuten – und er hat einen guten Rat an Hoffenheim: „Der Verein hat hier so viel Geld ausgegeben. Ein kleiner Tipp: Das nächste Mal richtige Netze kaufen.“ Das Sportgericht entscheidet am 29. Oktober, wie es entscheiden muss: keine Wiederholung, das Ergebnis hat Bestand. Richter Hans E. Lorenz: „Fragen Sie uns nicht, ob das Urteil uns unter sportlichen Gesichtspunkten gefällt. Unter rechtlichen Gesichtspunkten gibt es keine Alternative.“

Bernd Schuster Bayer Leverkusen blonder Engel UNAM 1996
Bernd Schuster und Bayer Leverkusen: Am Ende passt es nicht mehr. Der „blonde Engel“ klagt und geht im Jahr 1996 zu UNAM Pumas. Foto: Imago Images/Passage

About Schmidt: Bayer Leverkusen hat viele Trainer mit seltsamen Methoden. Christoph Daum lässt seine Spieler über Glasscherben gehen. Heiko Herrlich beschwört das „Beppo-Prinzip“ vom guten Straßenkehrer, Erich Ribbeck beschwört in seiner zweiten Amtszeit eine Katastrophe herauf. Und Roger Schmidt? Wir haben es schon kurz beschrieben, der beschwört im Februar 2016 im Heimspiel gegen Borussia Dortmund (0:1) die erste Spielunterbrechung der Liga-Historie herauf, die von einem Trainer verursacht wird. Nach einem Innenraumverweis von Schiedsrichters Felix Zwayer (Berlin) weigert sich Schmidt, auf die Tribüne zu gehen. Zuvor hat er sich zu lautstark über den angeblich irregulären Siegtreffer des BVB durch Pierre-Emerick Aubameyang echauffiert. Im Oktober 2016 muss Schmidt wieder hoch – nach Pöbeleien gegen 1899-Coach Julian Nagelsmann („Was bist du denn für ein Spinner?“). Im Februar 2017 haben die Bayer-Bosse genug. Nach einem 2:6 in Dortmund, das Schmidt als „richtigen Schritt in die richtige Richtung“ sieht, ist Schluss – Schmidt kassiert zehn Millionen Euro Abfindung und geht.

90+7 gegen Rom! Im Europa-League-Halbfinale 2024 glich Leverkusen in der 97. Minute gegen die AS Roma aus – ein Tor, das die Last-Minute-Mentalität dieser Mannschaft wie kein anderes symbolisierte. Immer wieder rettete Leverkusen in der Nachspielzeit Punkte und Spiele. Die Statistik der Nachspielzeit-Treffer 2023/24 ist beispiellos: Kein Team in der Geschichte des europäischen Fußballs hat so oft so spät getroffen.

Alle Kapitel: 01. Prolog 02. Good to Know 03. Für die Hater 04. Für die Lover 05. Schlüsselfiguren 06. Personae Non Gratae 07. Tragisch 08. OMG — Oh My God 09. Fun Facts 10. Special Moments 11. Weise Worte 12. Steckbrief [Annex]
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