Unvergessliche Momente
Völlers Terminkalender vor dem 18. Mai 1996
Vor seinem Abschiedsspiel jongliert Rudi Völler PR-Termine, TV-Interviews und die Organisation des eigenen Abgangs in Leverkusen.
Rudi Völler hat in den hektischen Tagen vor diesem 18. Mai 1996 viel zu tun. Ständig ist er unterwegs, PR-Termine hier, TV-Interviews da. Der Weltmeister von 1990 organisiert sein Abschiedsspiel in Leverkusen.
19 Profijahre, sechs Klubs, ein letzter Auftritt
Der 36-jährige Weltmeister von 1990 will im Ulrich-Haberland-Stadion abtreten und danach Sportdirektor in Leverkusen werden.
Nach 19 Profi-Jahren bei Kickers Offenbach, 1860 München, Werder Bremen, AS Rom, Olympique Marseille und Bayer Leverkusen will der 36-jährige Weltmeister von 1990 am Saisonende in der Baustelle des Ulrich-Haberland-Stadions die letzte Schicht machen. Er plant eine große Abschieds-Sause gegen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Ab Sommer wird er dann weiter oben auf der Tribüne sitzen und bei den Rheinländern den Posten des Sportdirektors übernehmen.
Klinsmann, Matthäus, Littbarski: Wenn Rudi ruft, kommen alle
Zum Abschiedsspiel am 21. Mai 1996 tritt die DFB-EM-Auswahl gegen Völlers internationale Auswahl an.
Dass die Fußball-Promis am 21. Mai 1996 uneingeschränkt zum großen Abschiedsspiel kommen, ist selbstverständlich. Die DFB-Auswahl tritt kurz vor der EURO 1996 in England mit Fredi Bobic, Mario Basler, Jürgen Klinsmann und Co., also mit „voller Kapelle,“ an. „Rudis Team“ bilden u. a. Giuseppe Giannini, Ruggerio Rizzitelli sowie die Weltmeister-Kollegen Pierre Littbarski und Lothar Matthäus.
Oder anders: Wenn Rudi feiert, sind sie alle dabei.
Abschied mit Abstieg darf nicht sein
Vor der Party droht Völler im letzten Profispiel der Sturz in die 2. Liga — Showdown gegen Brehmes Kaiserslautern.
Doch Rudi Völler hat vorher mit Bayer 04 noch ein kleines Problem zu lösen… „Abschied mit Abstieg – das durfte nicht sein“, fasst er das Dilemma 2003 zusammen. Denn: In seinem letzten Spiel als Fußballprofi kann der Champions-League-Sieger von 1993 (mit Marseille) noch absteigen. Bayer Leverkusen gegen den 1. FC Kaiserslautern, Weltmeister-Duell Rudi Völler gegen Andreas Brehme – vor die Rudi-Party hat der Fußball-Gott diesen Showdown gesetzt.
Kaiserslautern sitzt Leverkusen, das genauso wie die Pfälzer eine desaströse Saison gespielt hat, mit zwei Zählern Rückstand im Nacken. Ein 2:0-Erfolg gegen Hansa Rostock am 33. Spieltag hat ihnen die zweite Luft gegeben. Der Teufel steckt im Detail.
Hätte der FCK das Hinspiel gegen Bayer nicht mit 1:0 gewonnen, wäre der von Insidern wie Hans-Peter Briegel oder Jürgen „Atze“ Friedrich als „Schönfärber“ abgestempelte FCK-Coach Friedel Rausch († 2017) zur Winterpause entlassen worden. Der Weg für einen Neuaufbau in Kaiserslautern wäre frei gewesen. Erfolgstrainer Karl-Heinz Feldkamp wird rund um den Betzenberg gehandelt, kommt aber nicht, weil Rausch bleibt – und wird erst nach dem 24. Spieltag durch Eckhard Krautzun ersetzt.
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Frage 1 von 6
Dramatische Wendepunkte
Der FCK hat die Rettung in der eigenen Hand
Ein Sieg in Leverkusen würde den 33 Jahre alten Bundesliga-Dino aus der Pfalz retten und Bayer nach 27 Jahren in Liga 2 schicken.
Trotz dieser Fehleinschätzung haben es die Pfälzer noch in der Hand. Ein FCK-Sieg in Leverkusen – und man könnte den Bayer-Klub nach 27 Jahren in die 2. Liga schubsen. Ganz Fußball-Deutschland scheint sich auf die Seite der Gäste aus Kaiserslautern geschlagen zu haben, für die das Prädikat des Bundesliga-Dinos, der 33 Jahre dabei gewesen ist, und das Wohl und Wehe einer ganzen Region auf dem Spiel stehen.
Schuster, Ribbeck und der Bayer-Trümmerhaufen
Der gefeuerte Coach, der klagende Bernd Schuster und ein Interimstrainer Hermann — Leverkusen geht zerrüttet ins Endspiel.
Trotz dieser Fehleinschätzung haben es die Pfälzer noch in der Hand. Ein FCK-Sieg in Leverkusen – und man könnte den Bayer-Klub nach 27 Jahren in die 2. Liga schubsen. Ganz Fußball-Deutschland scheint sich auf die Seite der Gäste aus 1. FC Kaiserslautern geschlagen zu haben, für die das Prädikat des Bundesliga-Dinos, der 33 Jahre dabei gewesen ist, und das Wohl und Wehe einer ganzen Region auf dem Spiel stehen.
Die eher unbeliebten Bayer-Kicker, die bis dahin noch nie besser waren als Platz 5, würde hingegen kaum jemand vermissen. Jedenfalls nicht nach dieser Saison. Bernd Schuster hat den Verein verklagt und fährt Minuten vor dem Anpfiff des Schicksalsspiels mit einem schwarzen Coupé demonstrativ auf seinen alten Spielerparkplatz, direkt vor dem Stadion.
Das zeugt von einem gesunden Selbstbewusstsein des „blonden Engel“, der aber nur ein Problembär bei Bayer ist. Coach Erich Ribbeck, der Schuster aus dem Kader gestrichen hat, ist am Tag der Entscheidung schon weg. Im April 1996 wird „Sir Erich“ nach nur einem Sieg aus 15 Spielen (!) gefeuert, sein Assistent Franz-Peter Hermann betreut Bayer Leverkusen im „Endspiel“ um den Klassenerhalt.
Brehme: „Wenn wir in der letzten Minute tot umfallen“
Vor dem Showdown spürt Andy Brehme die Erwartung der Pfalz und kündigt im SAT-1-Interview vollen Einsatz an.
Die Gegenseite scheint begriffen zu haben, um was es an diesem regnerischen Samstag im Rheinland gehen wird. „Die Leute in der Stadt, die bibbern mit n FCK“, sagt Weltmeister Andreas Brehme mit seinem Hamburger Idiom und der für ihn typischen und eigenwilligen Interpretation der deutschen Grammatik ein paar Wochen vorher bei SAT 1, „deshalb müssen wir alles geben, damit wir in der ersten Bundesliga bleiben und wenn wir am letzten Spieltag in der letzten Minute tot umfallen.“ So ähnlich sieht es am Ende auch aus. Die Lauterer Spieler liegen nach dem Schlusspfiff geschüttelt von Weinkrämpfen auf dem Rasen.
Sie haben den „Plastik-Klub“ am Rande des Abstiegs – und werden schließlich selbst mitgerissen. „Wir waren klar besser“, bilanziert Andy Brehme später, „unser 1:0 durch Kuka, danach weitere Chancen. Doch acht Minuten vor Schluss machte Münch das 1:1. Das Aus für uns.“
Brehmes Bilanz: Klar besser, am Ende mitgerissen
Andreas Brehmes bittere Bilanz nach dem Schlusspfiff: spielerisch überlegen, durch Kukas Führung belohnt — und doch acht Minuten vor Schluss von Münch erwischt.
So ähnlich sieht es am Ende auch aus. Die Lauterer Spieler liegen nach dem Schlusspfiff geschüttelt von Weinkrämpfen auf dem Rasen. Sie haben den „Plastik-Klub“ am Rande des Abstiegs – und werden schließlich selbst mitgerissen.
„Wir waren klar besser“, bilanziert Andy Brehme später, „unser 1:0 durch Kuka, danach weitere Chancen. Doch acht Minuten vor Schluss machte Münch das 1:1. Das Aus für uns.“
Kukas Kopfball und Münchs Stellungsfehler zum 0:1
In der 58. Minute köpft Pavel Kuka frei aus sechs Metern ein, weil Markus Münch zehn Meter daneben steht.
Beim 0:1 stehen die Leverkusener Spalier, lassen Uwe Wegmann schön durchs zentrale Mittelfeld spazieren. Er kann in aller Gemütsruhe den Ball nach rechts zu Frank Greiner geben, der punktgenau auf Pavel Kuka flanken kann. Der Tscheche köpft völlig frei aus sechs Metern ein, da sein Bewacher Markus Münch gefühlte zehn Meter von ihm weg steht.
Gespielt sind 58 Minuten, jetzt wäre Kaiserslautern gerettet. Das sieht auch Leverkusens XXL-Manager nach dem Spiel im Interview mit SAT1 so: „Wir waren eigentlich schon in die 2. Bundesliga abgestiegen, vor allem nach dem 0:1. Danach war Lautern auch dem 2:0 nahe.“ Das stimmt, doch Kuka und Olaf Marschall lassen frei vor Bayer-Keeper Dirk Heinen die Nerven im Stich.
Der unsportliche Einwurf, der Leverkusen rettet
Paulo Sergio gibt den Ball nach Kadlecs Aus nicht an den FCK zurück — Münch jagt den Abpraller zum 1:1 ins Eck.
Ausgerechnet der Kurpfälzer Münch, der nach dieser Katastrophen-Saison zurück zum FC Bayern München wechselt, leitet für das unter Schock stehende Bayer-Team die Wende ein. Er foult Marschall im Mittelfeld. Schiedsrichter Bernd Heynemann (Magdeburg) gibt zwar Freistoß, wittert zehn Minuten vor dem Ende aber Zeitspiel und unterbricht nicht.
Um eine Behandlung zu ermöglichen, schießt FCK-Libero Miro Kadlec den Ball ins Aus. Der Brasilianer Paulo Sergio pfeift auf das Fair Play. Er gibt den Ball beim Einwurf nicht zu den Kaiserslauterern zurück, wie das handelsüblich ist.
Nein, Sergio wirft das Leder zu Torhüter Heinen. Der bringt den Ball – unter den Pfiffen der mehreren Tausend Lautern-Fans im Stadion – noch einmal wuchtig nach vorn. Völler gibt zu: „Das war nicht die feine englische Art.“ Er legt den Ball von links klug zurück auf Mike Rietpietsch.
Dessen Distanzschuss aus mehr als 20 Metern kann FCK-Torhüter Andreas Reinke nur zur Seite abwehren. Münch ist zur Stelle, jagt das Ding mit rechts aus fünf Metern ins lange Eck – und hämmert dann jubelnd mit den Fäusten auf den Boden. Erster Gratulant ist Rudi Völler, der den Torschützen gar nicht mehr loslassen will.
Auf der Tribüne wuchtet sich Reiner Calmund jubelnd nach oben, während der stille Fußball-Abteilungsleiter Kurt Vossen († 2007) dem Ganzen noch nicht traut.
Bayer bleibt erstklassig, Lautern stürzt ab
Völler stützt den ausgepowerten Heinen, tröstet im Studio Brehme — und nennt Münchs Treffer später das wichtigste Tor der Vereinsgeschichte.
In diesem Moment aber ist klar: Bayer Leverkusen bleibt erstklassig, Lautern steigt ab. Die Bilder auf Leverkusener Seite sind nicht minder emotional als die Szenen mit den geschlagenen Kaiserslauterern. Rudi Völler muss den völlig ausgepowerten Dirk Heinen auf dem Weg in die Kabine stützen und im TV-Studio seinen Weltmeister-Kollegen Andreas Brehme trösten, der bitterlich weint.
„Das war mein Abschiedsgeschenk für Bayer Leverkusen“, sagt Markus Münch draußen indes überglücklich bei Premiere, „ich habe dem Klub sehr, sehr viel zu verdanken.“ Und der Verein ihm. Völler wird später sagen, das wichtigste Tor in der Geschichte von Bayer 04 habe Markus Münch geschossen. Wie wahr: Mit der Ankunft von Trainer Christoph Daum beginnt zum 1. Juli 1996 eine Zeitenwende in Leverkusen.
Auf Anhieb wird der bei vielen Fußballanhängern ungeliebte Werksklub deutscher Vize-Meister, spielt 1997/98 erstmals in der Champions League. Auch 1999 und 2000 ist nur der FC Bayern in der Abschlusstabelle vor der Daum-Elf.
Daums Ankunft startet die Vizemeister-Ära
Ab Juli 1996 wird Leverkusen unter Christoph Daum dreimal in Folge Tabellenzweiter hinter dem FC Bayern.
Wie wahr: Mit der Ankunft von Trainer Christoph Daum beginnt zum 1. Juli 1996 eine Zeitenwende in Leverkusen. Auf Anhieb wird der bei vielen Fußballanhängern ungeliebte Werksklub deutscher Vize-Meister, spielt 1997/98 erstmals in der Champions League. Auch 1999 und 2000 ist nur der FC Bayern in der Abschlusstabelle vor der Daum-Elf.
Eine Unsportlichkeit als Wendepunkt der Klubgeschichte
Der nicht zurückgegebene Einwurf rettet Bayer 04 die Bundesliga-Zugehörigkeit und schickt den FCK in die zweite Liga.
Was bleibt ist ein ganz spezieller Moment. Eine Unsportlichkeit rettet Bayer Leverkusen die Zugehörigkeit zur Bundesliga und führt zum Abstieg des 1. FC Kaiserslautern.